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Band 1

Calzá, Maria Grazia
Dem Weiblichen ist das Verstehen des Göttlichen "auf den Leib" geschrieben
Die Begine Maria von Oignies (†1213) in der hagiographischen Darstellung Jakobs von Vitry (†1240)

2000. 257 Seiten - 155 x 225 mm. Kartoniert
ISBN 978-3-933563-49-1

 

34,00 EUR

Produkt-ID: 978-3-933563-49-1  

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Die Begine Maria von Oignies (†1213) wird in dieser Arbeit als aktive Trägerin jenes im Hochmittelalter neu erwachten Zeitgeistes präsentiert, der in der evangelica regula die wesentliche Inspirationsquelle für die Erneuerung der christlichen Gesellschaft findet und zugleich das wahrhaft "Leibliche" im Menschsein Christi (sein Lebens-, Leidens- und Erlösungsweg) hervorhebt. Jener heiligen Frau widmete ihr Beichtvater, der Prediger und bedeutende Kirchenmann Jakob von Vitry (†1240) einen einflußreichen hagiographischen Bericht, De Vita beatae Mariae Oigniacensis, der für lange Zeit ein Nachahmungsmodell in der weiblichen Hagiographie des späten Mittelalters blieb. Die vorliegende Studie zeigt, daß die Biographie Marias von Oignies nicht nur Ausdruck der Frömmigkeitssensibilität und des speziellen Sinnes für das Heilige oder Göttliche einer religiösen Frau ist, sondern daß Maria von Oignies auch - und darin liegt ihre große Bedeutung - eine neuartige, "moderne" frauenspezifische Spiritualität bezeugt, welche die Autorin aufgrund der entscheidenden Rolle, die der Körper mit seiner komplexen Sphäre von Sinnen und Affekten hier spielt, mit einem Neologismus somatophon definiert. Das heißt: Die für das Weibliche ideengeschichtlich charakteristische Beziehung zur Materie, zur Abgründigkeit des Körpers mit seiner Trieb- und Leidenschaftsnatur (Elemente, die mit dem Bösen und Sündhaften gleichgesetzt wurden und eine lange misogyne Tradition grundlegten) lehnt die Begine aus Oignies - im Gegensatz zu einer am Geistigen orientierten Frömmigkeit - in der ihr eigenen Form von Religiosität gerade nicht ab; für sie ist Heil ohne Körper eigentlich nicht denkbar. Der Körper ist locus schlechthin, in dem Christus als fleischgewordener Gott erkannt wird und aus dem heraus die Begine "spricht" - ein somatisches Wort sozusagen, das vom körperlich erfahrenen Göttlichen erzählt. Aus dieser Perspektive heraus stellt die hagiographische Darstellung des Jakob von Vitry einen unerhörten Versuch dar, die Sprachschranken zu überwinden und daher das ineffabile ins effabile umzuwandeln. Das Unaussprechliche, von dem hier die Rede ist, ist die affectio amoris in Deum der jungen Begine: ihre von einem Verlangen nach dem Göttlichen verursachten Krankheiten, ihre extremen, asketischen Übungen und ihre affektiv-körperzentrierte Gotteserfahrung. Aber nicht nur: Unabsichtlich bringt Marias Vita auch ein anderes ineffabile zu Wort - jene Überlegungen, idealisierten Vorstellungen, Phantasien, Erwartungen und nicht zuletzt Ängste, die der Hagiograph selber (und mit ihm die ganze mittelalterliche gelehrte Männlichkeit) auf die Frau und ihren Körper, gleichsam wie eine tabula rasa, in seinem Akt des Beobachtens überträgt. Um sich diesem bedeutenden Beispiel von Vitae Matrum in seiner Komplexität anzunähern, verpflichtet sich die Untersuchung einem Konzept der Geschichte als Polyphonie. Sie steht im Dialog mit anderen Wissenschaften, etwa Theologie, Psychologie, Religionswissenschaft oder Anthropologie, und wird von ihnen - als ancillae historiae aufgefaßt - gehalten und getragen. Durch einleitende Paraphrasierungen werden die Textstellen in Originalsprache auch für jene Leser/Leserinnen entschlüsselt, die der lateinischen Sprache nicht mächtig sind.